Mit unserer Sprache bilden wir Seh-, Hör- und Denkgewohnheiten aus, mit denen wir uns selbst und unsere Gesellschaft formen. Mit diesen Sprachgewohnheiten muss immer mal wieder gebrochen werden, um Neues sehen, hören und denken zu können.
Anna Schiff
Ja, es kostet Mühe, Sprachgewohnheiten zu verändern. Aber warum eine Sprechweise beibehalten, die Vorurteile wiederholt und damit festigt? Grundsätzlich darf natürlich jede_r sagen, was er oder sie möchte, schließlich besteht Redefreiheit. Aber Freiheit endet da, wo sie die Freiheit anderer beschneidet. Daher stellt sich die Frage, ob jede_r auch alles sagen sollte. Nicht, weil uns jemand den Mund verbietet, sondern weil wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der niemand aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft oder der Religion schlechter behandelt wird.
“Herr Luhmann, wenn es um den Diesel‐Skandal geht” - Hans‐Jochen Luhmann: “Entschuldigung, ich muss Sie da gleich in der Diagnose korrigieren [oder vielmehr mit ihren
Sprachgewohnheiten brechen
]. Es geht hier um ein Versagen, wovon der so genannte Diesel‐Skandal ein Symptom ist. Es handelt sich um ein systematisches Versagen der Kraftfahrtbundesämter in Europa. Die setzen die Vorgaben des EU‐Gesetzgebers nicht um. Und das lassen die Mitgliedstaaten zu. Ungeprüft sind somit sämtliche behauptete Fahrzeugeigenschaften, nicht nur das Detail „Diesel‐Abgase“. Bei der Wortwahl „Diesel‐Skandal“ handelt es sich also, um den Titel von Elisabeth Wehlings wunderbarem Buch zu variieren, um ein „einer Nation eingeredetes Denken – um daraus Partial‐Politik zu machen“. Intention der Wortschöpfung ist das Setzen eines engen Fokus, um anderes aus dem Zielfernrohr zu nehmen. Wird ernstlich hingeschaut, so vermag eine ganze Kette von Umgehungen zum Vorschein zu kommen. Was bei den Stickoxid‐Werten von Diesel‐Fahrzeugen auffiel, das progressive Auseinanderdriften von Soll‐ und Ist‐Werten, von 30 Prozent bei Euro 2 auf 700 Prozent bei Euro 6, zeichnet sich auch ab bei den Angaben zum CO2‐Ausstoß, auch bei Benzinern. Selbst bei den Lärmemissionen schummeln die Autohersteller. Wir sind nicht am Ende, wir sind immer noch am Anfang.”
Selbstlernende Algorithmen, Roboter in der menschenleeren Fabrik und selbstfahrende Autos - anhand dieser Beispiele wird gerade der Fortschritt erzählt - bis dahin, dass sich Fortschritt nur noch auf Technik reimt. Doch was ist dieser technische Fortschritt eigentlich? Ist der technische Fortschritt und die zunehmende Entmenschlichung nun einmal unser Schicklsal als Menschheit? Da kann man ja eh nichts machen!? Es ist an der Zeit, den
Sprachgewohnheiten-Brecher
einzusetzen. Wir müssen uns klarmachen, dass es Motive und Treiber für jeden Fortschritt gibt. Nichts passiert von selbst, sondern ökonomische und ideologische Rahmenbedingungen bestimmen, woran geforscht, was erfunden und was eingesetzt wird. Rahmenbedingungen, die in einer Demokratie unter Beteiligung aller immer wieder neu verhandelt und verändert werden müssen.