Allein machen sie dich ein.
Ton Steine Scherben
Die Handlungsmöglichkeiten von Einzelnen sind stark beschränkt, aber Einzelne haben immer die Möglichkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen - dann ist es kein Einzelinteresse mehr, sondern das eigene Anliegen wird langsam zu einer Frage des Allgemeinwohls. Zu zweit, dritt, hundert oder tausend macht es nicht nur mehr Spaß, sondern man unterstützt und motiviert sich gegenseitig, um auch Hängepartien zu überstehen.
Verkehr und Verkehrspolitik wird nicht nur von einer Person gemacht - stattdessen fahren viele Menschen ein Auto oder haben ein (wirtschaftliches) Interesse daran, dass immer mehr Menschen Auto fahren. Um diesen automobilen Konsens aufzubrechen, müssen sich ebenso viele Menschen aufmachen das
Einmachglas des Einzelnen
zu verlassen, indem sie sich zusammenschließen und gemeinsam handeln. Ein Beispiel ist der Berliner Volksentscheid Fahrrad, der von einem etwa 100-köpfigen ehrenamtlichen Team getragen wurde, die sich wiederum auf hunderte Unterstützer_innen verlassen konnten. Nur so war es möglich, innerhalb von dreieinhalb Wochen über 105.425 Unterschriften zu sammeln. Doch damit nicht genug, auch nach diesem sensationellen Erfolg kümmerten sie sich als Team darum, dass aus der Volksinitiative ein Mobilitätsgesetz wurde, das nun auch in seiner Umsetzung stets kritisch begleitet werden muss.
Vor Beginn des Dieselskandals schreibt Karsten von Bruch, Ingenieur in der Abgasnachbehandlung bei Bosch, konzernöffentlich im Intranet an seinen Bereichsvorstand: “Wir wissen beide, dass außerhalb der Testzyklen zum Beispiel die AdBlue-Dosierung gedrosselt wurde, weil man dort zu viel davon gebraucht hätte. Gerade hier entstehen aber die meisten Stickoxide. Und deswegen ist das ein ganz bewusster Etikettenschwindel, um es mal diplomatisch auszudrücken.” Der Dieselskandal zog dann seine Kreise und der Vorstandsvorsitzende von Bosch antwortete: “Wir müssen jetzt alle gemeinsam für den Diesel und seine Vorteile eintreten.” Wenig später wird Karsten von Bruch in das
Einmachglas des Einzelnen
gesteckt und entlassen.
Ein Schlagwort des Digitalisierungshypes ist die "Gig-Economy". Gemeint sind Dienstleistungen, die Menschen auf Zuruf erledigen, wenn sie Zeit dazu haben und die pro Auftrag abgerechnet werden – vermittelt über das Internet. Arbeit, die ich verrichten kann, wenn es passt, zum Teil sogar von jedem Computer aus – klingt erstmal gut. Doch gegenwärtig konzentriert sich die Macht bei den Vermittlungsplattformen, die oft Monopole für ihren Bereich haben und somit Bezahlung und Rahmenbedingungen jederzeit einseitig verändern können: wo früher starke Betriebsräte und Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer_innen vertraten, steckt die Gig-Economy jede_n Lohnempfänger_in in ein
Einmachglas des Einzelnen
, denn: “Allein, machen sie dich ein!”.
Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) erlebt gerade einen Aufschwung. Einzelne Menschen schließen sich zusammen, um als Konsument_innen für die Kosten eines Bauernhofes aufzukommen. Die Produzierenden befinden sich damit nicht länger im globalen Wettbewerb um den niedrigsten Preis für standardisierte Produkte, sondern handeln mit den Teilhabenden der SoLaWi aus, unter welchen Bedingungen welche Produkte erzeugt werden sollen. Konsument_innen und Produzent_innen verlassen so ihr jeweiliges
Einmachglas des Einzelnen
und gestalten solidarisch eine andere Form von Landwirtschaft, die sich an den Bedürfnissen aller Beteiligten orientiert und meist die natürlichen Stoffkreisläufe in den Blick nimmt.
Prometheus gilt als Wohltäter der Menschheit, da er versucht, die wertlosen Teile eines Opfertieres seinem tyrannischen Gegenspieler Zeus unterzujubeln, um das genießbare Fleisch den Menschen zu geben. Die List fliegt jedoch auf und Zeus verwehrt daraufhin den Menschen den Besitz des Feuers. Prometheus gelingt es aber später, das Feuer für die Menschen zu stehlen und wird dafür zur Strafe an ein Gebirge gekettet. Prometheus ist somit der Erste, der in das
Einmachglas des Einzelnen
gesteckt wird. Als Gesellschaft bleibt ihm einzig ein Adler, der seine Leber frisst.